Das Märchen vom Welpenschutz

Ist in einer ehemaligen Degugruppe nur noch ein Tier übrig oder hat ein Halter den Wunsch, seine Gruppe zu erweitern, wird regelmäßig dazu geraten, junge Tiere im Alter von ca. 6 bis 8 Wochen zu übernehmen. Diese würden sich problemlos in die Gruppe einfügen und unterordnen. Nicht selten fällt hier der Begriff „Welpenschutz“.

Diese sehr jungen Tiere sind aufgrund ihrer Körpergröße und ihres Gewichtes den in der Regel älteren bzw. erwachsenen Tieren tatsächlich meist signifikant unterlegen und unterwerfen sich zunächst vielfach ohne große Gegenwehr. Hinzu kommt der Umstand, dass sie kurz vorher von Mutter (evtl. Tanten) und den übrigen Geschwistern getrennt wurden und dadurch alles bisher Vertraute und Bekannte, das auch Sicherheit bot, verloren haben.

Daher ist oftmals zu beobachten, dass diese jungen Degus recht schnell Anschluss zu anderen Artgenossen suchen. Nun kommt es aber auch hier zusätzlich auf die einzelnen Individuen, die charakterlichen Eigenschaften bzw. deren Temperament an, ob die Chemie stimmt.

Ein Jungtier, das bereits in ganz frühem Alter der Meinung ist, seine Zukunft als Chef zu sehen, wird trotz körperlicher Unterlegenheit versuchen, sich mit all seinen vorhandenen Möglichkeiten durchzusetzen, was regelmäßig zu ziemlichem Ärger mit den „Alteingesessenen“ führt. Auch wenn ein Neuankömmling das Selbstbewusstsein noch nicht öffentlich zur Schau trägt, kommt es vor, dass er trotz des zarten Alters als Bedrohung für den eigenen Rang angesehen wird. Degus haben sehr feine Antennen, wenn es um das Erkennen tendenzieller Dominanz bei den Zwergen geht.

Ebenso kann es sein, dass die „Älteren“ sich aufgrund von Unsicherheit und mangelndem Selbstbewusstsein von der Anwesenheit des Jungvolkes überfordert fühlen oder sie einfach nicht „riechen“ können und daher nicht nur ruppig mit ihnen umgehen, sondern sie tatsächlich angreifen oder beißen.

Weiterhin besteht auch die Möglichkeit, dass ein Zwerg eine für den Halter (noch) nicht sichtbare Krankheit in sich trägt oder von Geburt an eine Einschränkung beim Sehen oder Hören vorliegt, so dass das Verhalten und die Kommunikation für „normale“ Degus ungewöhnlich ist und deshalb mit Ablehnung reagiert wird.

Tatsächlich wurden wir von der Deguhilfe Süd e.V. in der Vergangenheit bereits das eine und andere Mal mit dem traurigen Schicksal von Degukindern konfrontiert, die direkt in eine Gruppe erwachsener Tiere gesetzt und dort stark attackiert, evtl. sogar massiv verletzt und ausgeschlossen wurden. Die keinen Zugang zu Futter und Wasser erhielten, regelmäßig angegriffen wurden, aber dennoch in der Gruppe verblieben, da es mit den Kleinen ja „klappen muss“. Nachdem der kleine Körper noch nicht viel entgegenzusetzen hat, kann eine solche Situation sehr schnell lebensbedrohlich werden. Von den seelischen Verletzungen, die ein solches Tier erlebt und es evtl. für sein gesamtes Leben prägen, gar nicht zu sprechen. Auch Todesfälle sind uns in diesem Zusammenhang leider bekannt.

Von daher…

Ja! Kleine Degukinder lassen sich augenscheinlich tatsächlich direkt und teilweise problemlos zu älteren Artgenossen setzen und oft funktioniert das auch. Eine Garantie dafür besteht jedoch keinesfalls und auch bei einer solchen Konstellation ist allergrößte Vorsicht und insbesondere Aufmerksamkeit, Feingefühl sowie ggf. schnelles und frühzeitiges Eingreifen geboten.